Mein Schul­weg nach Feld­moching

Mein Schul­weg nach Feld­moching (1948−51) und die Zeit in der Volks­schu­le Fasa­ne­rie

Erin­ne­run­gen von Harald Land­graf (Jahr­gang 1942)

Naa, in de Zwer­gerl­schui gen­gan mia ned eine. Mia bleim in Feld­moching. – So spra­chen wir damals, erst neun­jäh­rig. 1951 muß es gewe­sen sein, auf dem Weg von der Schu­le in Feld­moching nach Hau­se. Es war ein sehr wei­ter Weg für die klei­nen Kin­der­fü­ße, denn ich wohn­te in der Fasa­ne­rie Nord in der Him­mel­schlüs­sel­stra­ße 33, nicht weit vom Ler­chen­au­er See ent­fernt. Der lan­ge Stra­ßen­na­me allein ver­kör­per­te für mich schon den him­mel­wei­ten Weg nach Feld­moching. Vor der Umbe­nen­nung hieß sie Jas­min­stra­ße. Ich höre noch heu­te, wie mei­ne Mut­ter schimpf­te: „Him­mel­schlüs­sel­stra­ße, mein Gott! Wie kann man nur einen so ent­setz­lich lan­gen Stra­ßen­na­men erfin­den?“ Mein grö­ße­rer Bru­der Hei­ni und der Engleit­ner Fran­zi erklär­ten sich denn auch sofort bereit, die­se viel zu lan­gen Stra­ßen­schil­der nachts gleich umzu­sä­gen. – Ich glau­be, daß ich damals gut eine Stun­de oder mehr unter­wegs war bis zu Schu­le in Feld­moching. Und der Heim­weg dau­er­te meist noch viel län­ger, weil wir oft ste­hen­blie­ben um etwas anzu­se­hen und anzu­fas­sen. Klei­ne Kin­der sind ja neu­gie­rig wie jun­ge Tie­re.

Die Umwe­ge waren manch­mal weit­schwei­fig: über die Feld­mochin­ger Schmie­de vom Zech, wo noch Pfer­de beschla­gen wur­den, wei­ter zu Rei­gers­bach, um dort Forel­len anzu­schau­en.

Statt über die „Äuße­re Feld­mochin­ger Stra­ße“ ging ich zuwei­len auf dem Franz-Sperr-Weg am Ler­chen­au­er See ent­lang nach Hau­se. Er war damals viel grö­ßer – eine öde Kies­gru­be, rechts des Weges wei­te Fel­der bis hin­über an die Bahn. Dort lau­er­te mir ein gar unheim­li­cher Dämon auf, zerr­te mich gewalt­sam vom Wege her­un­ter und zwang mich auf den gewal­ti­gen Eimer­ket­ten­bag­ger zuzu­ge­hen – groß wie die Feld­mochin­ger Kir­che, mit einem höchst geheim­nis­vol­len Innen­le­ben. Jeder Wider­stand war sinn­los. – Man konn­te nur durch ein auf­ge­bro­che­nes, hoch­ge­le­ge­nes Eisen­fens­ter in die­sen Bag­ger ein­stei­gen, das aber von dem viel­räd­ri­gen, tau­send­füss­ler­glei­chen Fahr­ge­stell aus schwer zu erklim­men war. Von dort klet­ter­te man über eine enge Eisen­stie­ge in den sehr geräu­mi­gen ers­ten Stock mit dem Kies­sam­mel­be­häl­ter zum Befül­len der Loren­zü­ge, die unter dem Bag­ger auf zwei Glei­sen hin­durch­fah­ren konn­ten. Dann kam eine wei­te­re Stie­ge, die zum rie­si­gen Elek­tro­mo­tor führ­te, des­sen Kup­fer­wick­lun­gen gleich nach Kriegs­en­de gestoh­len wur­den. Von der Platt­form des Motors führ­te eine Eisen­lei­ter über ein Zwi­schen­po­dest ganz hin­auf bis zum Dach­aus­stieg. Stand man dort im zugi­gen Win­de, so spann­ten sich über dem Kop­fe hin­weg viel dicke Draht­sei­le zwei­rei­hig über­ein­an­der, mit denen der rie­si­ge Aus­le­ger mit den Schau­feln über einen Zwi­schen­mast geho­ben und gesenkt wer­den konn­te, und zwar mit Hil­fe eines Gegen­ge­wich­tes von der Grö­ße eines Eisen­bahn­tank­wag­gons, das sich auf der Rück­sei­te des Bag­gers auf Schie­nen auf und ab beweg­te. Vom Dach aus konn­te man die straff gespann­ten Sei­le bestei­gen und sich dann in schwin­del­erre­gen­der Höhe zum Zwi­schen­mast vor­sich­tig hin­über­han­teln, um von dort über eine Eisen­lei­ter zu den Schau­feln des Eimer­ket­ten­aus­le­gers wie­der hin­ab­zu­stei­gen. Das Dach des Bag­gers wur­de von einem Kran mit lan­gem Aus­le­ger über­ragt, doch da habe ich mich nie hin­auf­ge­traut. Die­ser Bag­ger war zwar gefähr­lich, aber unver­gleich­lich zum Her­um­klet­tern. In einer grö­ße­ren Ent­fer­nung stand noch die lan­ge Gleis­rück­ma­schi­ne zum Ver­schie­ben des außer­ge­wöhn­lich brei­ten Bag­ger­glei­ses, das gleich sie­ben Eisen­bahn­schie­nen neben­ein­an­der hat­te. Die­ser Rie­sen­bag­ger zog mich immer wie­der in sei­nen Bann.

Manch­mal mach­te ich mit eini­gen Schul­ka­me­ra­den einen Umweg über die Ler­chen­au­er Stra­ße nach Hau­se. Nach dem Bahn­über­gang konn­te man über die Mocho­stra­ße am Bahn­gleis ent­lang zum Hal­te­punkt Fasa­ne­rie zurück­keh­ren. In die­ser Stra­ße ging es für mich eine Zeit­lang nicht mit rech­ten Din­gen zu, oder – war es ein Ort der Sin­nes­täu­schun­gen? Gleich nach dem Bahn­über­gang der Ler­chen­au­er Stra­ße muß­ten wir alle ste­hen­blei­ben und schau­en. Dort stand ein mäch­ti­ges, uraltes Flü­gel­si­gnal, aus der Zeit der König­lich-Bay­ri­schen Staats­ei­sen­bahn, wie es heu­te nur noch im Deut­schen Muse­um zu sehen ist. Es war ein hoher Mast mit abwech­selnd roten und wei­ßen Bal­ken und zwei Signal­bü­geln, der obe­re mit aus­lau­fen­dem Pfei­le, der unte­re mit einer run­den Schei­be. Ganz unten war die gro­ße oran­ge­far­be­ne Vor­si­gnal­schei­be, seit­lich ange­bracht. Die­ses Signal, mit sei­ner Viel­zahl von Hebeln und den far­bi­gen Later­nen, sah äußerst rät­sel­haft aus. Nach ein­ge­hen­der Betrach­tung, klei­ne Kin­der brau­chen dafür sehr viel Zeit, mach­ten wir uns auf den koti­gen Feld­weg in Rich­tung Hal­te­punkt Fasa­ne­rie, um das zuge­hö­ri­ge Vor­si­gnal zu sehen. Davor kam aber noch die Bahn­schran­ke für die Rei­nach­stra­ße. Soll­ten wir die bereits geschlos­se­ne Schran­ke noch­ein­mal anhe­ben? Dann klin­gelt es an der Schran­ken­wär­ter­win­de in der Fasa­ne­rie. Und der Schran­ken­wär­ter Kil­ger kommt aus sei­nem Well­blech­häus­chen und schaut und schimpft: „Die­se ver­reck­ten Sau­buam, erwischn wenn i’s tua, aber dann!“ Der Kil­ger war ein Bahn­be­am­ter bis ins Inners­te, er war gewis­ser­ma­ßen die Eisen­bahn in Per­son, mit der er sich so iden­tiÞ­zier­te, als ob sie ihm gehört hät­te. Und da fällt mir ein, wie ich mir aus einem höl­zer­nen Bau­klotz eine Zug­schluß­la­ter­ne gefer­tigt hat­te, indem ich sie mit roten und wei­ßen Drei­ecken bemal­te. Das war mein „Lichtang’henkerl“, und das habe ich immer an einer Schnur bei mir gehabt. Ein­mal muß­te ich vor der geschlos­se­nen Schran­ke war­ten und ich habe es mit der Schnur an den Schran­ken­baum gehängt. Nach­dem der Zug vor­über­ge­fah­ren war, hat der Kil­ger die Schran­ke geöff­net und ich bin tief erschro­cken – das „Lichtang’henkerl“ war weg! Aber dann habe ich los­ge­heult. Der Kil­ger hat mich ver­stan­den und er hat die Schran­ke sogleich noch ein­mal mit Gebim­mel her­un­ter­ge­kur­belt, extra für mich allein. Das wer­de ich ihm nie ver­ges­sen. – Fünf melo­di­sche Dop­pel­glo­cken­schlä­ge aus der Fer­ne rei­ßen mich schlag­ar­tig in die Wirk­lich­keit zurück. Die weiß-rot-wei­ße Fall­schei­be der gro­ßen schwar­zen Läu­te­werks­säu­le neben der Well­blech­bu­de beim Kil­ger war in die Waa­ge­rech­te gekippt und des­halb für uns nicht mehr zu sehen, der Zug von Moo­sach durch die Glo­cken­schlä­ge ange­kün­digt. Wir lie­fen zum Vor­si­gnal, um den Zug vor­bei­fah­ren zu sehen. Züge waren immer ganz wich­tig auf unse­rem Schul­weg. Das Vor­si­gnal in der Fasa­ne­rie sah sehr eigen­ar­tig aus. Der Mast war abwech­selnd rot und weiß gestri­chen und hat­te eine gro­ße run­de Schei­be mit Schlit­zen, durch die der Wind hin­durch­blies. Ihr Anstrich war in leuch­ten­dem Gelb­oran­ge, ein­ge­faßt von einem schwar­zen und einem wei­ßen Rin­ge. Sie war seit­lich am Mas­te befes­tigt, hin­zu kamen grü­ne und gel­be Blen­den­schei­ben, bewegt von einem kom­pli­zier­ten Gestän­ge, sowie zwei gro­ße Petro­le­um­la­ter­nen. – Und dann pas­sier­te es. Wir starr­ten auf die Schei­be, und in einem kur­zen Augen­blick war die Schei­be plötz­lich spur­los ver­schwun­den – ein­fach weg. Wie geht denn das? Statt des­sen sahen wir einen schrä­gen grün-weiß-grü­nen Pfeil, der doch vor­her nicht da war – eben­so uner­klär­lich. Die­se Erschei­nung beschäf­tig­te mich län­ge­re Zeit. – Eines Tages betrach­te­te ich das Signal ganz aus der Nähe und sah, wie die zwei halb­kreis­för­mi­gen Schei­ben­hälf­ten zurück­schlu­gen und sich dabei gleich­zei­tig der Pfeil auf­rich­te­te. Aber ein Kind braucht eben viel län­ger, um sol­che Zau­be­rei zu durch­schau­en.

Das letz­te Stück mei­nes Schul­heim­we­ges, ganz gleich wie ich ging, war natür­lich immer die Him­mel­schlüs­sel­stra­ße. Ich glau­be, es war damals die schlech­tes­te Stra­ße der Fasa­ne­rie. Einst war sie eine schma­le Teer­stra­ße, gesäumt von viel­leicht acht Häu­sern, sonst nur Wie­sen und Fel­der. Angeb­lich war sie von den Ket­ten der Pan­zer im Krie­ge so zer­stört wor­den, jeden­falls hat sie eher aus­ge­se­hen wie die Kra­ter­land­schaft auf der Mond­oberß­ä­che, über­sät mit unzäh­li­gen, tie­fen Schlag­lö­chern. Nach einem Regen gab es in der Him­mel­schlüs­sel­stra­ße vie­les zu ent­de­cken: unzäh­li­ge Was­ser­pfüt­zen, Regen­wür­mer, die aus dem nas­sen Boden ßohen, und Käfer, die ich vor dem Ertrin­ken ret­ten muß­te. Manch­mal habe ich einen Stau­damm gebaut und das Was­ser umge­lei­tet. Dazu brauch­te ich viel Zeit. Der Höhe­punkt aber waren die Gewit­ter im Som­mer. Dann ergoß sich ein Sturz­bach aus den lan­gen Was­ser­pfüt­zen in den Hof, wo ich wohn­te, über­schwemm­te alles weit­läuÞg, vor allem den Ein­gang zum Hau­se, so daß ich ganz am Ende mei­nes Schul­we­ges die Woh­nung nur über im Was­ser lie­gen­de Zie­gel­stei­ne mit Mühe errei­chen konn­te. – Des­halb muß­te mein Tief­bau­un­ter­neh­men „Otto Schlem­mer Tief­bau Mün­chen“ die­se Flut­ka­ta­stro­phen bezäh­men. Dabei half mir der Zil­ker Fre­di. Er hat­te einen Bag­ger aus dem Metall­bau­kas­ten wie ich. „Wir brau­chen für die Bag­ger unbe­dingt noch einen Tief­la­der“, sag­te er zu mir, „am bes­ten aus Sperr­holz“. Aber wie waren die Räder zu fer­ti­gen? Das lös­te der Fre­di sehr prak­tisch. Er schnitt ein­fach ohne viel zu fra­gen von einem Schau­fel­stil Schei­ben ab. Die eier­ten zwar etwas, aber das stör­te nicht sehr.

Für mei­nen Vater waren die Aben­de arbeits­reich. Jeden Tag sah ich neue Ver­kehrs­zei­chen, die er mir malen muß­te; vor allem sehr vie­le Gesperrt­zei­chen, „All­ge­mei­ne Gefah­ren­stel­le“, eben­so gel­be Umlei­tungs­ta­feln, außer­dem Schil­der „Vor­sicht – hei­ßes Pech“ und, sehr wich­tig, „Betre­ten der Bau­stel­le ver­bo­ten!“, die er – Nein! Nicht in die­sen gewöhn­li­chen Buch­sta­ben, son­dern eckig, wie ich sie gese­hen hat­te! – in Frak­tur­schrift schrei­ben muß­te.

Unser Hof ver­wan­del­te sich jeden Tag in eine Bau­stel­le. Der Ludl Hel­mut wohn­te über uns und kam auch noch hin­zu mit sei­ner Pla­nier­rau­pe aus dem Märk­lin-Bau­kas­ten. Und über­haupt waren jetzt die Spiel­ka­me­ra­den aus der gan­zen Nach­bar­schaft im Hofe, mit­samt ihren Autos, um mit­zu­spie­len. Mein Bag­ger, wur­de für den Trans­port auf dem Tief­la­der vor­be­rei­tet. Aus Bal­ken wur­de eine Auf­fahrts­ram­pe gelegt und der Bag­ger lang­sam hin­auf­ge­rollt, dann gedreht, mit Boh­len gesi­chert, der Aus­le­ger gesenkt und hin­ten das Ver­kehrs­schild „All­ge­mei­ne Gefah­ren­stel­le“ hin­ge­hängt. So fuh­ren wir durch den Hof. Dann folg­te mei­ne Blech­ei­sen­bahn zum Erd­trans­port, und zum Schluß eine Dampf­wal­ze, rot-weiß-rote Absper­run­gen, vie­le Ver­kehrs­schil­der und natür­lich „Kanal­roh­re“, die wir aus den Kon­dens­milch­do­sen in unse­rer Müll­ton­ne fer­tig­ten. Wir ver­leg­ten einen unter­ir­di­schen Kanal, sogar mit Revi­si­ons­schacht. Die ande­ren Haus­be­woh­ner waren von mei­nen Gra­bun­gen vor dem Haus­ein­gang gar nicht begeis­tert. Sie zeig­ten sich unbe­lehr­bar, ohne jeg­li­che Ver­kehrs­er­zie­hung, indem sie mei­ne Gesperrt­zei­chen miß­ach­te­ten und ein­fach über mei­ne rot-wei­ßen Absper­run­gen hin­weg­stie­gen, obwohl ich mit Umlei­tungs­schil­dern kei­nes­wegs gespart hat­te. Und dann beschwer­ten sie sich auch noch, völ­lig unein­sich­tig, wie leicht man über sol­che Erd­lö­cher stol­pern konn­te …

Im Win­ter war die Him­mel­schlüs­sel­stra­ße eine Zeit lang sehr gefähr­lich. Schuld war unser Haus­ei­gen­tü­mer, Herr Metz. Ich bin ein­mal bei Glatt­eis vor dem Hau­se aus­ge­rutscht und habe mir den Arm ange­bro­chen. Aber dann wur­de sofort gestreut, jedoch nicht mit Salz. Das wäre ja die rei­ne Geld­ver­schwen­dung gewe­sen in der dama­li­gen Zeit, und auch nicht mit Sand. Woher den neh­men? Der Haus­herr hat die Asche aus der Müll­ton­ne ver­streut, die natür­lich schon stark brems­te, des­halb ver­mischt mit Oran­gen­scha­len (nach dem Krie­ge brauch­te man unbe­dingt Vit­ami­ne!), und falls man dar­auf erneut ins Rut­schen kam, wur­de der Sturz wie­der­um sogleich gemil­dert durch zusätz­lich ver­streu­te alte Rasier­klin­gen. Man hat auch schon in mei­ner Kind­heit die Schul­weg­si­che­rung ernst genom­men, wenn­gleich in ande­rer Wei­se, denn die Stra­ße war damals noch nicht die lebens­feind­li­che Roll­bahn des Todes wie heu­te.

Wäh­rend des Schul­we­ges waren wir auf Schatz­su­che, was ja uns Kin­dern eigent­lich viel, viel wich­ti­ger als der Schul­un­ter­richt erschien. Hoch­be­gehrt waren die weg­ge­wor­fe­nen lee­ren Ziga­ret­ten­schach­teln von Zuban und Roxy, denn sie ent­hiel­ten Strei­fen, und wenn man 100 Stück davon gesam­melt hat­te, bekam man kos­ten­los Bil­der für ein Album. Noch wich­ti­ger aber waren für mich die weg­ge­wor­fe­nen Eis­ste­ckerl, die ich für die rot-weiß­ro­ten Absper­run­gen mei­nes Tief­bau­un­ter­neh­mens „Otto Schlem­mer Tief­bau Mün­chen“ drin­gend brauch­te.

Ich glau­be, man konn­te durch­aus sagen, die Fasa­ne­rie besaß in mei­ner Kind­heit einen sehens­wer­ten Schul­weg, der die Nach­tei­le, ein end­los lan­ger Fuß­marsch, auch bei Regen, Käl­te und Schnee­sturm, wie­der wett­mach­te.

Als Schul­ran­zen benütz­te ich den Sol­da­ten­tor­nis­ter mei­nes Vaters mit einem rot­brau­nen Fel­le, und dar­an hing außen der oliv­grü­ne Blech­kü­bel zum Essen­fas­sen, noch von der Wehr­macht, denn wir erhiel­ten von den Ame­ri­ka­nern Schul­spei­sung, die ich mit nach Hau­se nahm. Die Klei­dung war ganz im Sti­le der Nach­kriegs­zeit: Die Hose hat­te mei­ne Mut­ter aus ange­brann­ten, irgend­wo gefun­de­nen U.S.-Zeltbahnen genäht, und im Som­mer trug ich ein Hemd, das vor­her ein ame­ri­ka­ni­sches Tarn­netz war. Die auf­ge­näh­ten Knöp­fe waren bunt gemischt, groß und klein, dazwi­schen auch ein­mal ein schwar­zer Druck­knopf, denn sie waren vor­her von alten Klei­dungs­stü­cken abge­schnit­ten wor­den. Schu­he brauch­te ich im Som­mer wenig. Oft ging ich bar­fuß zur Schu­le, das war damals so üblich. Mei­ne Eltern muß­ten spa­ren, und Schu­he waren teu­er. Mein Bru­der war hin­ge­gen etwas „modi­scher“ aus­ge­stat­tet: Er hat­te statt eines Schul­ran­zens die leder­ne Mel­der­ta­sche, wel­che mein Vater aus dem Krie­ge heim­ge­bracht hat­te. Außen waren Leder­schlau­fen für far­bi­ge Blei­stif­te. Die­se Tasche, schwung­voll über die Schul­ter gewor­fen, das mach­te damals schon einen schnei­di­gen Ein­druck.

Der Fasa­ne­rie­see, damals hieß er noch Acker­mann­see, war für uns Schul­kin­der eine Zeit­lang gru­se­lig unheim­lich, zumal im Win­ter. Die Leh­re­rin Weitl in Feld­moching erzähl­te uns von einem tücki­schen, grü­nen Was­ser­mann, der dort mit sei­nen wal­len­den Armen die Kin­der in die Tie­fe zieht und ihnen die Augen weg­nimmt, wenn sie dem See zu nahe kom­men. Sie hat­te Angst, daß ein Kind auf dem Schul­weg im Eis ein­bre­chen und ertrin­ken könn­te. Ja, so gefähr­lich war damals unser Schul­weg nach Feld­moching. Denn Autos gab es so kurz nach dem Krie­ge in der Fasa­ne­rie kaum, und wir waren froh, wenn wir auf einem pfer­de­be­spann­ten Bau­ern­fuhr­werk ein Stück mit­ge­nom­men wur­den. Aber das soll­te sich bald ändern. Im Win­ter ließ die Stadt einen uralten, schrott­rei­fen grü­nen Auto­bus zur Schu­le fah­ren. Die Ein­stiegs­stel­le war am Blü­ten­an­ger, nahe der Feld­mochin­ger Stra­ße. Vor der Abfahrt gab es immer einen rie­si­gen Lärm und ein gro­ßes Durch­eind­an­der, denn es muß­ten die Schul­kin­der aus der gan­zen Fasa­ne­rie in die­sen ein­zi­gen Auto­bus irgend­wie hin­ein­ge­pfercht wer­den.

Kurz vor Feld­moching kam die inter­es­san­tes­te Stel­le des Schul­we­ges: Am unte­ren See­ufer, etwa in der Ecke, wo heu­te die Fische­rei ist, war der weit­läu­fi­ge Lager­platz der Bau­fir­ma Acker­mann. Dort war alles zusam­men­ge­zo­gen, was einst zum Kies­aus­hub für den Ver­schub­bahn­hof nötig gewe­sen war: Tei­le eines schwe­ren Löf­fel­bag­gers, ölver­schmiert und ver­schmutzt, Feld­bahn­schie­nen auf brü­chi­gen, mor­schen Holz­schwel­len, Wei­chen, Dreh­schei­ben, lan­ge Wagen­rei­hen mit gro­ßen Holz­käs­ten zur Kies­auf­nah­me und schwar­ze Mul­den­kipp­lo­ren, die lang­sam von sta­che­li­gen Brom­bee­ren über­wach­sen wur­den, über­all unzäh­li­ge Amei­sen, Wes­pen und Brem­sen, ein Loko­mo­tiv­schup­pen mit ruß­ge­schwärz­ten Feld­bahn-Dampf­lo­ko­mo­ti­ven, deren eins­ti­ger Anstrich, rotes Trieb­werk und grü­nes Füh­rer­haus, noch zu erah­nen war, und schließ­lich zwei rie­si­ge, ros­ti­ge Eimer­ket­ten­bag­ger auf brei­ten Glei­sen, der eine mit einem gro­ßen Kes­sel und Kamin sowie einer kräf­ti­gen Dampf­ma­schi­ne, der ande­re elek­trisch ange­trie­ben. In die­ses ver­bo­te­ne „Para­dies“ soll­te ich spä­ter mühe­los ein­drin­gen, als ich in der Fasa­ne­rie zur Schu­le ging, denn mein Bank­nach­bar war der Hein­rich Rai­ner, und des­sen Vater war glück­li­cher­wei­se bei der Fir­ma Acker­mann beschäf­tigt. Einen schö­ne­ren Ort zum Spie­len, Baden, Ver­ste­cken konn­te ich mir in die­ser abge­sperr­ten, für alle ande­ren ver­bo­te­nen, Welt der Eisen­bahn damals nicht vor­stel­len – und uns war erlaubt, was nie­mand durf­te, mit den Roll­wa­gen auf den Glei­sen hin- und her­zu­fah­ren.

Eines Tages wur­de das Gerücht von der neu­en Schu­le zur Wirk­lich­keit. Auf dem Weg nach Hau­se sahen wir auf dem Platz der zukünf­ti­gen Schu­le eine Pla­nier­rau­pe, die den Humus zu einem lan­gen Erd­damm zusam­men­schob. Wir sind alle sofort hin­ge­lau­fen und haben uns mit der Erde vor der Pla­nier­rau­pe mit­schie­ben las­sen – und konn­ten gar nicht mehr auf­hö­ren.

Ein Jahr spä­ter wur­de die neue Volks­schu­le in der Fasa­ne­rie, mit klin­gen­der Musik und fah­nen­ge­schmückt, ein­ge­weiht. Der ers­te Schul­tag war über­wäl­ti­gend. – Wobei ich aller­dings vor­aus­schi­cken muß, daß mich die „moder­ne“ Schu­le in Feld­moching als Kind auch schon sehr beein­druckt hat­te: Die Toi­let­ten hat­ten dort – – – „Sitzab­or­te“!!! Man kann sich nicht sogleich vor­stel­len, was die­ses Wort – aus Leh­re­rin Weitls Mund gespro­chen – damals für mich bedeu­te­te: ich müß­te es heu­te über­set­zen mit „höchst­mög­li­cher Luxus“!

Was ich aber dann in der Fasa­ne­rie zu sehen bekam, das war schier ganz unglaub­lich! Da war die gro­ße Uhr in der Ein­gangs­hal­le, umrahmt mit einem Bild vom Fluß der Zeit, dem Lauf des Lebens, das ich heu­te noch als sehr gelun­gen emp­fin­de und nach­denk­lich betrach­te. Und dann die Klas­sen­zim­mer! Unfaß­lich ihre Ein­rich­tung: rich­ti­ge Tische – jawohl! – nagel­neu und mit Dreh­stüh­len. So etwas konn­ten wir uns bis dahin gar nicht vor­stel­len. Als ers­tes dreh­ten wir uns hin und her, wie auf dem Karus­sell. Und die Tische lie­ßen sich zu Grup­pen zusam­men­schie­ben nach unse­ren eige­nen Vor­stel­lun­gen – das Klas­sen­zim­mer sah dadurch ganz anders aus als wir es bis­her gewohnt waren. Ja, man konn­te sagen, unse­re Schul­zeit war jetzt viel schö­ner gewor­den.

Schau­rig das rück­stän­di­ge Bau­ern­dorf Feld­moching! Dort waren die Schul­bän­ke noch zu einen lan­gen Rei­hen zusam­men­ge­schraubt, mit Klapp­bret­tern zum Sit­zen – o Gott! – und man muß­te, egal, ob groß, ob klein, irgend­wie in die­se Bän­ke hin­ein­pas­sen. – Jetzt fal­len mir auch die Tin­ten­fäs­ser wie­der ein. Die waren in Feld­moching fest in die Bank ein­ge­baut, mit Deckeln, damit auch ja nichts pas­sie­ren konn­te. Das war ja selbst für Kin­der begreif­lich, auch wenn sie noch sehr uner­fah­ren sind und den Umgang mit Tin­te in lan­gen Schul­jah­ren müh­sam erler­nen müs­sen. Aber die Tin­ten­fäs­ser waren oft an Stel­le von Tin­te mit Blei­stift­spit­zer­ab­fäl­len gefüllt. Und wie sahen die Pul­te aus? Tin­ten­ver­kleckst und mit tie­fen Gra­vu­ren, Spu­ren der Erin­ne­rung angst­ge­quäl­ter Schü­ler­see­len. – Hier in der Fasa­ne­rie war das plötz­lich völ­lig anders. Die Tin­te war gar nicht da. Wie­so? Sie war ganz ein­fach ein­ge­sperrt in einem Schrank im Klas­sen­zim­mer. Und wenn sie zum Schrei­ben gebraucht wur­de, wur­den die Tin­ten­fäs­ser auf einem Ser­vier­brett – man stel­le sich das ein­mal rich­tig vor, vie­le Tin­ten­fäs­ser ein­fach auf einem Ser­vier­brett! – von zwei Schü­lern aus­ge­teilt. Welch gro­ßes Ver­trau­en der Lehr­kräf­te in die Schü­ler! Oder bes­ser: Was für ein locker-lider­li­cher Leh­rer­leicht­sinn! Was kann mit so einem Tin­ten­faß alles pas­sie­ren?! In Feld­moching hat einer sogar ver­sucht, die Tin­te zu trin­ken! Ja! Wie der aus­ge­se­hen hat?! Unvor­stell­bar! Zun­ge, Zäh­ne, Gesicht, Hän­de, Klei­dung – alles schul­t­in­ten­blau! Sowas prägt sich doch unaus­lösch­lich ins Schü­ler­ge­dächt­nis ein. Jawohl, auch der Schü­ler hat Schul­erfah­run­gen, nicht nur die Leh­rer! – Droh­te nicht von die­ser Sei­te plötz­lich eine Pau­ker­plei­te? – man beden­ke doch, daß der Schü­ler mit der Erfah­rung auf­ge­wach­sen ist, ein Tin­ten­faß kön­ne nie­mals her­un­ter­fal­len, weil es fest in die Bank ein­ge­baut ist. Und jetzt – so etwas!

Man kann ruhig sagen, wir wur­den damals vom Fort­schritt völ­lig über­rollt. Nein, bes­ser gesagt, wir rutsch­ten auf dem „Fort­schritt“ begeis­tert über die glat­ten Böden im Schul­hau­se, denn wir durf­ten jetzt nicht mehr mit Stra­ßen­schu­hen das Klas­sen­zim­mer betre­ten, son­dern muß­ten Haus­schu­he tra­gen, um die Böden zu scho­nen.

In der neu­en Schu­le hat­te ich als ers­tes den Klaß­leh­rer Rit­ter. Ich erin­ne­re mich noch, als er in der ers­ten Unter­richts­stun­de vor dem Ver­le­sen der Namen sag­te: „So, jetzt set­ze ich erst ein­mal mei­ne Zau­ber­bril­le auf.“ Er war der ange­nehms­te Leh­rer mei­ner Schul­zeit, eigent­lich so, wie ich mir auch heu­te noch einen guten Leh­rer vor­stel­le. Sei­ne Stun­den in Hei­mat­kun­de haben mir beson­ders gefal­len; er hat viel erzählt, denn er war weit gereist und wir haben viel gezeich­net.

Wenn ich heu­te die­se Schu­le auf­su­che, huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Ich den­ke weit zurück. Wir waren im drit­ten Klas­sen­zim­mer am Ende des Gan­ges im Erd­ge­schoß. Die Türe ist hin­ten. Wenn jemand wäh­rend des Unter­richts auf die Toi­let­te muß­te, so hob er den Fin­ger und sag­te: „Herr Leh­rer, i muaß auf’s Klo.“ – „Ja, geh zu, Herr­schaft­seitn!“ Gleich­zei­tig tat ein ande­rer Schü­ler gera­de so, als ob er unter der Bank etwas such­te, und – leg­te sich mit dem Bauch auf den glat­ten Boden und schwamm wie ein Frosch bei weit geöff­ne­ter Türe eben­falls auf den Gang hin­aus. Zurück ins Klas­sen­zim­mer ging es genau­so. Ich war auch dabei. Aber irgend­wann ist dem Leh­rer Rit­ter doch auf­ge­fal­len, daß es im hin­te­ren Teil des Klas­sen­zim­mers manch­mal so auf­fal­lend leer war. Und dann hagel­te es Straf­auf­ga­ben …

Ich glau­be, mit Schul­be­ginn hat­ten wir auch Pfar­rer Peter Himm­ler im Reli­gi­ons­un­ter­richt. Im Rück­blick sehe ich ihn nicht nur als from­men Stadt­pfar­rer, son­dern auch als einen gestan­de­nen Mann, denn er war kriegs­er­fah­ren! Und das war auch not­wen­dig; denn wir waren eine sehr schlim­me, unru­hi­ge Klas­se, die ihm sicher den letz­ten Nerv gekos­tet hat. Manch­mal hat er uns aus­führ­lich von sei­nen Kriegs­er­leb­nis­sen erzählt, damit wir wenigs­tens da auf­paß­ten, und die waren natür­lich für uns Kin­der viel inter­es­san­ter als der Reli­gi­ons­un­ter­richt.

Wenn es um reli­giö­se Din­ge ging, muß ich ehr­lich geste­hen, ist mir lei­der häu­fig sehr viel Unsinn ein­ge­fal­len. Ich bekom­me heu­te noch Herz­klop­fen, wenn ich an mein Reli­gi­ons­heft den­ke. Eines Tages kam ich näm­lich auf die Idee, eine Bil­der­schrift für mein Reli­gi­ons­heft zu ent­wer­fen, um mir die vie­le Schreib­ar­beit zu ver­ein­fa­chen. Die Aus­wahl an Sym­bo­len für den Reli­gi­ons­un­ter­richt war sehr umfang­reich. Da waren zunächst Son­ne, Mond und Ster­ne, dann brauch­te ich ver­schie­de­ne Kel­che und Hos­ti­en, Mons­tran­zen, vie­le bun­te Pries­ter­klei­der, Müt­zen, Bischofs­hü­te, Hir­ten­stä­be und natür­lich auch Kreu­ze ver­schie­de­ner Far­ben und For­men, fer­ner das drei­eckig ein­ge­faß­te Got­tes­au­ge mit sei­nem Strah­len­kran­ze, feu­rig zün­geln­de Flam­men für den Hei­li­gen Geist, sowie einen elek­tri­schen Blitz für die All­macht Got­tes. Dane­ben ent­warf ich noch eine Anzahl nie dage­we­se­ner Sym­bo­le, um Pfar­rer Himm­lers Gedan­ken mit letzt­gül­ti­ger Klar­heit zu ver­deut­li­chen. Mei­ne Schul­ka­me­ra­den haben mein geist­li­ches Wir­ken, vor allem mei­ne viel bes­se­ren und genaue­ren, tref­fen­den Erklä­run­gen zu Glau­bens­fra­gen, mit weit geöff­ne­tem Mund auf­ge­nom­men. Ein so kom­pli­zier­ter Zusam­men­hang wie „Zwi­schen Gott und den Men­schen steht der Pries­ter als Ver­mitt­ler“ konn­te ich mit mei­ner Bil­der­schrift über­zeu­gend ein­fach, näm­lich mit­tels nur drei­er Zei­chen, schrei­ben: Vom Got­tes­au­ge (drei­ecki­ges Sym­bol) schlägt der elek­tri­sche Blitz (Sym­bol) in den Hir­ten­stab (Sym­bol) ein. Ein­fa­cher und kür­zer konn­te man es gar nicht mehr sagen, und den Rest, wie es dann wei­ter­geht, konn­te man sich ja dazu­den­ken, das brauch­te man über­haupt nicht mehr hin­zu­schrei­ben. Das war doch ohne­hin völ­lig klar. Wel­che Kür­ze und Prä­gnanz des Den­kens! Wel­che Klar­heit und Prä­zi­si­on in der bahn­bre­chen­den Gedan­ken­füh­rung! – Doch schon bald ver­wan­del­ten sich mei­ne Hie­ro­gly­phen unmerk­lich in unent­zif­fer­ba­re Rät­sel, denn ich hat­te schnell ver­ges­sen, was ich eigent­lich erklä­ren woll­te. Und so senk­te sich eine mys­ti­sche Göt­ter­däm­me­rung über mei­nen Glau­ben. – Wenn der Pfar­rer Himm­ler nur ein ein­zi­ges Mal die Hef­te ein­ge­sam­melt hät­te … nicht aus­zu­den­ken.

Eines Tages beka­men wir in der Reli­gi­ons­stun­de eine schrift­li­che Arbeit: Schrei­be nie­der, was ich am Sonn­tag in der Kir­che gepre­digt habe! Das war eine Auf­ga­be, rich­tig aus dem Leben! Und gar nicht schwie­rig. Wenn man sonn­tags zur Kir­che ging, wuß­te man, daß Pfar­rer Himm­ler eigent­lich immer das­sel­be pre­dig­te. Und so dach­te ich mir, ich schrei­be es dir schon hin. Des­halb begann ich:
1. Ein­lei­tung (wie üblich): Wir beten für die bedräng­te und ver­folg­te Kir­che im Osten.
2. Ver­le­sung (wie üblich) von irgend­et­was aus der Got­tes­dienst­ord­nung.
3. Pre­digt (wie üblich).

Aber dann habe ich auf dem Papier erschre­ckend her­um­ge­wet­tert und gedon­nert, alles was mir dazu sel­ber ein­ge­fal­len ist – genau so wie es Pfar­rer Himm­ler jeden Sonn­tag von der Kan­zel her­ab tat in unse­rer höl­zer­nen Not­kir­che. Ich schimpf­te über die lau­en und schwa­chen Chris­ten in unse­rer Gemein­de, die auf­ge­rüt­telt wer­den müs­sen, jawohl, for­der­te das Kir­chen­volk ein­dring­lichst zum Beten und Büßen auf, ver­lang­te, es sol­le dem Teu­fel sofort wider­sa­gen, damit es sich, gerei­nigt und geläu­tert, wie­der voll­kom­men und ganz Chris­tus hin­ge­ben kön­ne, denn nur so wer­de es wie­der wei­ter­ge­hen, ließ dann auch ein­ßie­ßen, daß der katho­li­sche Christ nur eine christ­li­che Zei­tung lesen darf und nicht die­se gott­lo­sen, sit­ten­ver­dor­be­nen Illus­trier­ten. Die moch­te er näm­lich gar nicht. Denn auch schon damals haben die Frau­en auf­rei­zend ihre For­men gezeigt, aller­dings noch ziem­lich ver­hüllt durch selbst­ge­strick­te Pul­lis. Aber die neue, sit­ten­lo­se Zeit däm­mer­te schon her­auf: Wir waren nicht mehr weit vom Pet­ti­coat ent­fernt. – Der Schluß war bei sei­ner Pre­digt dies­mal anders, und so habe ich es auch hin­ge­schrie­ben: „Bit­te etwas lau­ter mit­sin­gen, die Lie­der haben vor­hin so dünn geklun­gen!“ Auf dem Nach­hau­se­weg hat mir Pfar­rer Himm­ler gesagt: „Wie ich den Satz gele­sen habe, wuß­te ich, daß du in der Kir­che warst.“ – Heu­te erin­nert sein Stra­ßen­schild bei der alten Kir­che in der hin­te­ren Fasa­ne­rie an die ver­gan­ge­ne Zeit, und ich den­ke, er hat es sich red­lich ver­dient wegen sei­ner Mil­de und Nach­sicht, und wegen des vie­len Ärgers mit uns bösen, unar­ti­gen Schul­kin­dern.

Nach der vier­ten Klas­se ging ich ein vier­tel Jahr lang in eine Ober­re­al­schu­le. Die Lehr­kräf­te dort waren ver­mut­lich Offi­zie­re wäh­rend des Welt­krie­ges. Zur Begrü­ßung des Deutsch­pro­fes­sors, in straf­fer Hal­tung, Hand an der Hosen­naht, den Blick scharf nach rechts gerich­tet, hat­ten die Schü­ler auf­zu­sprin­gen und stramm­zu­ste­hen. Wer zu lang­sam oder unauf­merk­sam war, dem muß­te der Nach­bar eine her­un­ter­hau­en, und dann: „Übungs­auf­satz (gemeint war ein Straf­auf­satz) außer der Rei­he!“ für den Betrof­fe­nen. Den Schü­lern wur­de auch klar gesagt, daß sie an die­ser Schu­le uner­wünscht und viel­zu­vie­le sind. Ich hat­te schon bald eine gan­ze Samm­lung schlech­ter Noten bei­sam­men, und bei mei­nem letz­ten Schul­auf­satz „Ein lus­ti­ges Feri­en­er­leb­nis“, zu dem mir gleich gar nichts einÞel, hat­te ich dann „ein lus­ti­ges Noten­er­leb­nis“ … aber muß ich hier eigent­lich alles erzäh­len? Erleich­tert bin ich von die­ser „Schu­le des Grau­ens“ in die ver­trau­te Volks­schu­le zurück­ge­kehrt.

In der fünf­ten Klas­se, wäh­rend des Schul­jah­res, hat­te ich Leh­rer Schön­bach. Die ver­lo­re­ne Zeit durch die Ober­re­al­schu­le war sehr schnell wie­der auf­ge­holt. Jetzt war der Unter­richt sehr ein­präg­sam, denn ich muß­te häuÞg zeich­nen. Es war ein span­nen­des, packen­des Schul­jahr. In Geschich­te kam die Zeit der Kreuz­zü­ge und das Mit­tel­al­ter dran – und das setz­te sich in der Frei­zeit fort, wenn auch etwas anders. Ich erin­ne­re mich noch an den Unter­richtsÞlm „Bela­ge­rung einer mit­tel­al­ter­li­chen Stadt“. Dort wur­de alter­tüm­lich gekämpft. – Die Stein­schleu­der­ma­schi­ne habe ich sogleich nach­ge­baut. Da kam der Zil­ker Fre­di hin­zu, sah sie, und sag­te: „Sowas brauch i aa.“ Als Wurf­ge­schos­se eig­ne­ten sich am bes­ten alte Por­zel­lan­si­che­run­gen. In den Win­ter­aben­den bau­ten wir abends eine „Burg“, eigent­lich mehr einen Turm, aus Bau­klöt­zen, der von oben mit Mensch-ärge­re-dich-nicht-Männ­chen gegen die anstür­men­den Bela­ge­rer ver­tei­digt wur­de. Dann wur­de die Schleu­der­ma­schi­ne gegen die ver­zwei­felt kämp­fen­den klei­nen Männ­chen ein­ge­setzt. Unter den ein­schla­gen­den Por­zel­lan­si­che­run­gen brach der Turm schließ­lich zusam­men. Anders als im Film, roll­te am Schluß der Bag­ger von „Otto Schlem­mer Tief­bau Mün­chen“ her­an und fraß sich lust­voll in die Rui­ne, um den gan­zen Schutt auf einen Hau­fen zu wer­fen …

Auch an einen ande­ren „Ton­film“ erin­ne­re ich mich noch, viel­leicht im Zusam­men­hang mit Erd­kun­de. Ich mei­ne, er hieß „Der Berg ruft“ oder so ähn­lich, und han­del­te von der Erst­be­stei­gung des Mat­ter­horns durch die Riva­len Whym­per und Carell. Der Film war äußerst auf­re­gend – und der Zil­ker Fre­di und ich woll­ten danach gleich genau­so ver­we­ge­ne Hel­den wer­den. Auf dem Heim­weg erkann­te ich, daß sich die tie­fe Bau­gru­be gegen­über unse­rem Hau­se aus­ge­zeich­net als „Mat­ter­horn“ für eine Erst­be­stei­gung eig­ne­te, denn ihr Erd­aus­hub schloß sich naht­los an die Bau­gru­be an, so daß sich ein grö­ße­rer Höhen­un­ter­schied ergab. Der Zil­ker Fre­di fer­tig­te zu Hau­se gleich für jeden von uns einen Berg­stei­ger­pi­ckel an. Er hat­te sie aus einem Brett aus­ge­sägt und die Spit­zen waren sogar mit U.S.-Büchsenblech beschla­gen. Dann began­nen wir das „Rin­gen mit dem Berg“ – mit den Wäsche­lei­nen mei­ner Mut­ter. Unser schwie­ri­ger Auf­stieg von unse­rem „Basis­la­ger“, der Bau­gru­be, auf das „Mat­ter­horn“ lock­te sofort die ande­ren Kin­der her­bei. So wie wir, in der Wand hän­gend und den Tod nicht fürch­tend, woll­ten auch sie den Berg bezwin­gen. Und dann gab es eine dra­ma­ti­sche „Berg­not“, die gar kein Ende mehr neh­men woll­te. Vom Gip­fel des „Mat­ter­horns“ muß­ten wir bei­de, jetzt als Whym­per und Carell, immer wie­der, wage­mu­tig selbst am Wäsche­seil hän­gend, den nicht sehr stei­len Hügel hin­un­ter­rut­schen, um die ande­ren, frei­wil­lig in höchs­te Gefahr gera­te­nen, um Hil­fe schrei­en­den Buben und Mäd­chen zu „ret­ten“, und dann zogen die übri­gen „Erst­be­stei­ger“ am Gip­fel mit Geschrei und Gejoh­le alle Kin­der am Seil hin­auf. Mei­ne Mut­ter war sicher auch beglückt, wenn ich „sieg­reich“ und heil vom Ber­ge heim­kehr­te, und mei­ne Wäsche sah, denn damals gab es noch kei­ne Wasch­ma­schi­ne …

Von da an hat­te ich meh­re­re Jah­re Eng­lisch als Wahl­fach bei Leh­rer Mra­zek. War das ein Graus! Wir kamen nur weni­ge Lek­tio­nen weit und konn­ten fast gar nichts auf Eng­lisch sagen. Wir muß­ten die Laut­schrift ler­nen und schrei­ben – aber wozu? End­sta­ti­on des Lehr­plans war in jedem Schul­jahr immer wie­der die Ver­nei­nung und Fra­ge­sät­ze durch Umschrei­bung mit to do, die immer mit viel Gram­ma­tik erklärt, aber von nie­man­dem ver­stan­den wur­de. Begreif­lich, denn im Deutsch­un­ter­richt gab es kei­ne Gram­ma­tik­stun­den wie wir sie gebraucht hät­ten. So frag­te mich der Leh­rer: „Drit­te Per­son sin­gu­lar mas­cu­li­num, wie heißt das Wort – Land­graaaf?“ Dann stand ich da, und wuß­te es nicht. „Set­zen! Straf­auf­ga­be, fünf­mal abschrei­ben!“ Das hat auch nichts genützt. Ich ver­ste­he heu­te noch nicht, war­um die­ses Pro­blem nicht kind­ge­recht erklärt wer­den konn­te, fra­ge mich aber auch, wer konn­te damals schon rich­tig Eng­lisch, das doch noch weni­ge Jah­re zuvor die „Feind­spra­che“ war …

Die sieb­te und ach­te Klas­se hat­te ich Leh­rer Mra­zek. Es waren stren­ge Schul­jah­re, an die ich nicht mehr so ger­ne zurück­den­ke. Eigent­lich war ich damit schon am Ende der unbe­schwer­ten Kind­heit ange­kom­men und der Ernst des Lebens kün­dig­te sich an: die Berufs­wahl. Sie war nicht leicht für mich. Ich erin­ne­re mich noch gut an die Bro­schü­re, die wir aus­ge­hän­digt beka­men. An ers­ter Stel­le stand „Bun­des­prä­si­dent“ als Beruf. Ich habe mir die Vor­aus­set­zun­gen gleich durch­ge­le­sen, aber ich hielt mich hier­für doch nicht so gut geeig­net. Des­halb lern­te ich Schrift­set­zer, und bin es ein Leben lang geblie­ben …

In Gedan­ken sehe ich wie­der mei­ne Schul­ka­me­ra­den. Mit Abschrei­ben konn­te man­cher sei­ne man­gel­haf­ten Kennt­nis­se ver­ste­cken. Aus dama­li­ger Sicht hät­te ich gesagt, so einer ist gezeich­net für das gan­ze Leben. Aus dem kann doch nie­mals etwas Geschei­tes wer­den. Und die Erwach­se­nen von damals haben auch schon geklagt, daß die heu­ti­ge Jugend viel schlech­ter sei als ihre eige­ne Jugend. Aber beim ers­ten Klas­sen­tref­fen, Jahr­zehn­te spä­ter, habe ich gese­hen, fast alle die­ser eins­ti­gen nix­nut­zi­gen Rotz­buam und Laus­dirndln sind etwas Anstän­di­ges gewor­den, und eini­gen hät­te man das gar nicht zuge­traut. – Nur mein Spiel­ka­me­rad und Bank­nach­bar in der Schu­le, der Hein­rich Rai­ner, war nicht mehr dabei …

Mir kommt die alte Schul­uhr wie­der in den Sinn, umflos­sen vom Strom der Zeit, höre den ewig glei­chen Wel­len­schlag am Ufer des Flus­ses, den­ke an mei­ne Enkel­kin­der, die genau­so wer­den wie ich, und wohl auch ihre Leh­rer so ärgern wer­den wie ich, und grüb­le, wo die Zei­ger der Lebens­uhr jetzt ste­hen für mich …

Harald Land­graf (im Janu­ar 2002)


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